Altbauwohnung in Berlin: #thirtysomething mit Katharina Bellinger, Pelle Dwertmann und Söhnchen Bo.
Wenn man sich in einer Wohnung ein wenig verliert, weil überall kleine und große Objekte ins Blickfeld fallen, die man näher betrachten möchte oder die einen gar zum Schmunzeln bringen, dann ist das ein gutes Zeichen. So ergeht es einem auch, wenn man die Berliner Altbauwohnung von Katharina Bellinger und Pelle Dwertmann betritt. Wo man nur hinblickt, erspäht man eine ungewöhnliche Form, eine poppige Farbe oder ein Kunstwerk. Eben jenes Phänomen entsteht auch in der Wohnung der beiden studierten Produktdesigner. Gemeinsam führt das Paar Uncommon Berlin. Ein Vintage-Business, mit dem sie Möbel und Objekte sourcen, restaurieren und in ihrem Onlineshop verkaufen. Ergänzt wird ihr Shop um Pop-ups und Ausstellungen, in denen sie ihre Objektauswahl in die verschiedensten Kontexte integrieren und Welten kreieren.
Pelle bewohnt die Berliner Wohnung mittlerweile seit einem Jahrzehnt, Katharina zog 2022 in die Jungs-WG. Seither hat sich einiges gewandelt: Söhnchen Bo ist zur Welt gekommen und die Vierzimmerwohnung ist zum Familienzuhause geworden. Wir haben der Familie einen Besuch abgestattet und mit dem Paar über die Vorzüge von Vintages, ihr Business und wie sich der Einrichtungsstil mit Baby verändert, gesprochen.
#thirtysomething: Katharina Bellinger und Pelle Dwertmann im Interview
Katharina, Pelle, auf eurer Website schreibt ihr, dass nur Vintage einem Ort Herz und Charakter verleihen kann – wie kam es zu eurer Leidenschaft für Vintages?
Pelle: Im Rahmen meines Studiums habe ich für meinen Professor Hermann August Weizenegger gearbeitet und Produkte entworfen, die auch produziert wurden. In der Zeit ist mir schon aufgefallen, dass die Designwelt keineswegs zeitlos ist. In Mailand kann man es jedes Jahr aufmerksam beobachten, es kommen stetig neue Stile und Materialien hinzu. Ich empfinde das als eine Material- und Ressourcenschlacht, die auf einer schnellen Mode basiert. Das hat mich schon früh abgeschreckt, diesen Beruf auszuüben. Hinzu kommt, dass einige Designs heutzutage mit günstigeren Materialien hergestellt werden. Früher war das ganz anders. Diese Punkte haben uns beide dazu motiviert, Uncommon Berlin ins Leben zu rufen. In den vergangenen Dekaden war die Materialität viel langlebiger und diese lohnt es sich auch zu erhalten.
Katharina: Mir erging es ähnlich wie Pelle. Ich habe schon relativ früh erkannt, dass mein beruflicher Weg nicht zum reinen Möbeldesign führt – auch wenn es vielleicht Spaß macht. Ich bin dann ins Bildungswesen eingestiegen. Heute lehre und forsche ich an der Hochschule. Zudem habe ich auch schon Kinderspielzeug designt.
Inwiefern hebt ihr euch von anderen Vintageläden ab?
Pelle: Unser Horrorszenario sind Läden, die überladen sind und einen eigenwilligen Trödel-Vibe haben. Mit unserem Onlineshop, aber auch unseren Ausstellungen möchten wir demonstrieren, dass Vintage in einer konzeptionellen Welt funktionieren kann und in welchen Kontexten die Möbel auch eingesetzt werden können.
Katharina: Wir verkaufen auch keine klassischen Produkte, die alle kennen. Unsere Pieces sollen alle einen speziellen Charakter haben.
Pelle: Es ist der furchtlose Zeitgeist, der hinter diesen Entwürfen steckt. Es sind Pieces, die heute in der Art nicht mehr produziert werden würden. Mich begeistert es sehr, wenn Designer:innen eine gewisse Furchtlosigkeit haben. Auch wenn es kein rein funktionaler Entwurf ist, oder dieser mit einem bestimmten Risiko behaftet ist, weil er sich vielleicht aufgrund seiner Andersartigkeit nicht so gut verkaufen lässt. Diese Art von Freiheit möchten wir aufrechterhalten.
Hat sich aus eurer Sicht der Vintage-Markt in den vergangenen Jahren verändert?
Katharina: Das Image von Vintage hat sich einfach sehr verändert. Es ist viel mehr Bewusstsein da. Es ist teilweise ja sogar gewünscht, dass die Objekte Kratzer haben. Jedes Teil soll seine ganz persönliche Geschichte inne haben.
Können Vintage-Pieces die subtile Stimmung im Raum verändern?
Pelle: Ja, auf jeden Fall. Man kann sofort den Unterschied erkennen, ob in einer Wohnung alles neu gekauft oder ob mit Vintage-Pieces eingerichtet wurde. Wenn ich eine neue Wohnung nur mit Vintages einrichte, habe ich immer das Gefühl, dass die Person schon länger in dem Apartment lebt. Im Gesamtkonzept hat dann alles mehr Textur. Wir wollen das Gefühl vermeiden, dass sich alles neu anfühlt. In dem Sinne ist eine gute und vollkommen richtige Wandlung zu erkennen. Weg von den polished fake realities hin zu mehr Romantik.
Entfernt ihr euch bewusst von den viralen Vintage-Trends?
Katharina: Absolut. Für uns spielen das Design, der Charakter und die Qualität eine sehr wichtige Rolle. Bei uns würde man vielleicht kein „Togo“ finden.
Pelle: Die Designs sollen auf keinen Fall langweilig sein. Damit bedienen wir natürlich eine Nische.
In welchem Umfang restauriert ihr die Pieces?
Pelle: Wir reinigen die Teile sehr aufwendig, das macht auch einen Großteil der Aufarbeitung aus. Wir reparieren die Objekte teilweise oder polstern und lackieren sie neu.
Von der Wohngemeinschaft zum Familienzuhause – das war die Transformation
Katharina, du bist zu Pelle in die WG gezogen, bis in jüngster Vergangenheit habt ihr euch die Wohnung noch mit einem Mitbewohner geteilt. Hat sich auch der Einrichtungsstil dementsprechend oft verändert?
Katharina: Als ich im Jahr 2022 in die Jungs-WG eingezogen bin, habe ich definitiv mehr Farbe eingebracht. Ich habe schon immer gerne mit leuchtenden Farben gelebt und gearbeitet. Ich besitze auch einige Dinge, die auf ihre Art ein wenig witzig sind und die einen gewissen Humor in die Räumlichkeiten einbringen.
Pelle: Ich war früher eher in gedeckten Farben eingerichtet – in Braun, Beige, Schwarz und Weiß.
Katha: Ich denke, es ist dann ein guter Mix entstanden, in dem sich beide Stile wiederfinden. Pelle hat vermutlich ein wenig mehr losgelassen (lacht).
Pelle: Wir haben beide unsere Leidenschaft für surrealistische Entwürfe gefunden. Designs, die unser Verständnis von Normen und Dimensionen auflösen.
Wohnen mit Baby – worauf man achten sollte
Ihr habt nun ein Baby. Wird sich eure Einrichtung mit dem Leben mit Kind noch einmal verändern?
Katharina: Wir hatten kürzlich Besuch von Freund:innen mit Kindern. Es war wunderschön zu sehen, wie eine Umnutzung der Möbel durch Kinder stattfindet. Da wurde der Lignet-Roset-Sessel schnell mal zur Höhle umfunktioniert. Ich halte es für wichtig, zu betonen, dass Möbel zwar einen gewissen Wert haben, aber auch Gebrauchsgegenstände sind. Man muss sich von einer gewissen Perfektion verabschieden.
Pelle: Auch in dem Sinne sind Vintage-Pieces entgegenkommend. Die Möbel haben dann meist schon Gebrauchsspuren und die Objekte verzeihen mehr. Ein Albtraum wäre eine Umgebung, in der sich ein Kind nicht frei entfalten könnte, weil die Eltern es ständig zurechtweisen.
Katharina: Ich habe mich zudem viel mit der Philosophie von Maria Montessori beschäftigt. Und halte es für sehr wichtig, dass sich die Dinge auch auf Augenhöhe des Kindes befinden. Sodass es schon relativ früh selbstständig agieren kann.
Die Kunst und die Natur
Ihr habt verschiedene Kunstwerke in eurer Wohnung. Wie sucht ihr diese aus?
Pelle: Einige Arbeiten sind von befreundeten Künstler:innen. Wenn wir in Kunst investieren, versuchen wir auch immer eher Freunde zu unterstützen.
Meint ihr, es wird euch zukünftig noch an einen anderen Ort hinziehen?
Pelle: Wir bleiben auf jeden Fall erst einmal hier wohnen. Mit Kind wird sich die Wohnung auch sicher noch einmal wandeln in den nächsten Jahren. Wir können uns aber dennoch zusätzlich ein Haus auf dem Land vorstellen. In der Stadt fehlt uns die Natur sehr.
Katharina: Wir sind beide auf dem Land aufgewachsen und sehr naturverbundene Menschen, daher wird es in Zukunft eines unserer Projekte werden, ein Haus auf dem Land zu finden.






















